Strangers in the Night
Tagsüber sind Reben zweifellos die friedlichsten, sanftmütigsten und kultiviertesten Gesellen, die man sich vorstellen kann. Auch in Ermatingen am Untersee. Die Weinberge tragen hier massgeblich zu jener Idylle bei, die wegen ihrer beschaulichen Weitläufigkeit über den See, die Insel Reichenau und die im Miozän entstandenen Urzeitvulkane des Hegaus hinweg, nicht selten als vollendet beschrieben wird. Nachts aber ist alles anders.
Beim Spaziergang durch die im Guyot-System bis in eine Höhe von zwei Metern hochgezogenen Reben, mutiert der tagsüber so friedliche Weinberg zur fremd anmutenden Schattenwelt. Der ganzheitlichen Perspektive über den See beraubt, bleiben meine Augen an bizarren Stockformen und bedrohlich scharf gezackten Rebblättern hängen. Nach ein paar dunklen Minuten wird jede der nur schemenhaft hervortretenden Rebzeilen zum potentiellen Hinterhalt. Wenn dann nicht seh-, aber gut hörbar, ein Fuchs, eine Katze oder ein anderes Getier durchs hohe Gras huscht, und Fledermäuse im Tiefflug über meinen Kopf sausen, kommt mir jenes befremdlich schöne Gedicht von Ingeborg Bachmann in den Sinn, dass mit den Zeilen beginnt:
Nacht aus Schlüsselblumen
und verwunschnem Klee
feuchte mir die Füsse,
dass ich leichter geh
Der Vampir im Rücken
übt den Kinderschritt
und ich hör in atmen,
wenn er kreuzweiss tritt
Folgt er mir schon lange?
Hab ich wen gekränkt?
Was mich retten könnte,
ist noch nicht verschenkt

