50 Jahre Bollinger R.D. – Die another day…

Anhänger des Agenten-Thrillers kennen Bollinger Champagner vor allem deshalb, weil er seit 1973 in James Bond-Streifen gerne von 007 (allein oder in mehr oder weniger charmanter Begleitung) geschlürft wird. Connaisseuren freilich, ist das Chiffre 007 so ziemlich egal, nicht aber das Bollinger-Chiffre «R.D.». Das Kürzel steht für «Récemment Dégorgé» – und gilt als die bestmöglich umgesetzte Vision eines perfekten Champagners. Man nehme ausgewählte Grundweine eines guten Jahrgangs (von insgesamt 2000 zur Verfügung stehenden Barriques werden für den R.D. nie mehr als 200 Fässer selektioniert), baue sie nach der zweiten Gärung in der Flasche möglichst lange, mindestens aber acht Jahre, auf der Hefe aus und degorgiere sie mit minimalster Schwefelung, und ohne Zuckerbeigabe «ultra brut».
Vor genau 50 Jahren, im Frühjahr 1961, kam der erste Bollinger R.D. – es war der Jahrgang 1952 – auf den Markt. Nüchtern betrachtet, gibt es wirklich nur wenige Orte auf der Welt, die dafür prädestiniert sind, um das 50jährige R.D-Jubiläum standesgemäss zu feiern. Die Wahl fiel schliesslich auf das «Jules Verne», in der 2. Etage des Eiffelturms, exakt 125 Meter über dem Boden gelegen, und mit einem Michelin-Stern bewertet, seit es von Alain Ducasse geführt wird. Sicher, man kann heute überall auf der Welt bedeutend näher am Himmel dinieren, aber der Bollinger R.D und der Eiffelturm haben etwas Entscheidendes gemeinsam: beides sind urfranzösische Legenden. Über den Lift im Südpfosten des Turms wurden also die 12 besten von insgesamt 27 bisher gekelterten R.D.-Jahrgangs-Cuvées in schwindlige Höhe zur ultimativen R.D-Verkostung gehievt.
Die Vorselektion nahm übrigens Bollinger Kellermeister Mathieu Kaufmann vor. Er entschied sich für die Jahrgänge 1997, 1996, 1995, 1990, 1988, 1985, 1979, 1976, 1966, 1961, 1959 und 1952. Der 1975er wurde aus Magnum-Flaschen zum Essen serviert. Alle Weine wurden unmittelbar vor dem Anlass degorgiert, mit Ausnahme des 1952er, der schon 1969 degorgiert wurde und eine etwas höhere Dosage (Restzucker) enthält. Folgende drei Jahrgänge schaffen aus meiner Sicht mit Leichtigkeit die höchstmögliche Bewertung (20 von 20 Punkten). Ebenfalls mit über 18 Punkten bewertete ich die Jahrgänge 1988, 1985 und 1959.
1. Bollinger R.D. 1996
Inzwischen doch schon stolze 15 Jahre alt, offenbart der 96er noch immer eine so sensationell beschwingte und edle Frische, die einfach nicht zu toppen ist. Tja, eine vollkommenere Säure hat die Weinwelt (mit Ausnahme einiger weniger Weltklasse-Rieslinge) nicht zu bieten. Kaum zu glauben, dass die Grundweine die malolaktische Gärung durchliefen. Hat nach wie vor ein unglaubliches Entwicklungs-Potential.
2. Bollinger R.D. 1961
50 Jahre und kein bisschen müde… Aromen von Rhabarber, Brioche, Waldhonig, Karamell und Erde, sehr komplex und vielschichtig. Im Gaumen vollmundig. Obwohl dieser Jahrgang analytisch gesehen eine eher tiefe Säure aufweist, zeigt der 61er viel reifer Schmelz und eine tänzerische, überaus bekömmliche Frische im Abgang.
3. Bollinger R.D. 1975 (Magnum-Flasche)
Das Geburtsjahr von Angelina Jolie und das Todesjahr von Josephine Baker (sie starb übrigens in Paris). Auch dieser Wein begeistert mit einer unglaublichen Frische, die an den 96er erinnert. Aromen von frischen Blüten, Stachelbeeren, Gebäck und eine Spur Vanille. Vereint edle Reife und noch immer jugendlich wirkende Frische in perfekter Weise. Natürlich animiert dieser Wein einmal mehr zu Spekulationen darüber, ob nicht gerade Top-Champagner grundsätzlich in Grossflaschen viel besser reifen als in der 0,75 Liter-Standardgrösse. Aber um diese Frage zu klären, müsste Bollinger diese R.D.-Verkostung mit Magnum-Flaschen wiederholen… Und das wäre dann wohl doch etwas zuviel verlangt.
